Notrufsysteme für Pkws vom Kfz-Versicherer

Die deutsche Versicherungswirtschaft hat vor rund einem Jahr ein automatisches Notrufsystem auf den Markt gebracht, das in fast allen Neu- und Gebrauchtwagen eingesetzt werden kann und bei einem Unfall automatisch eine Notrufzentrale informiert. Seitdem sind rund 85.000 dieser sogenannten Unfallmeldedienst-Systeme (UMD) an Autofahrer ausgegeben worden. Einige Versicherer bieten aber auch Telematikboxen an, die als Notrufsystem nutzbar sind. Beide Systeme haben ihre Vor- und Nachteile.

Ab 31.März 2018 müssen laut Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur europaweit alle neuen Autos und leichten Nutzfahrzeuge mit einem automatischen Notrufsystem ausgestattet sein, das Schäden und Pannen selbstständig meldet. Die Europäische Kommission will die Folgen schwerer Straßenunfälle mildern, indem schneller Hilfe herbeigerufen wird.

Mit Blick auf diese Regelung hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) am 4. April 2016 seinen Unfallmeldedienst (UMD) gestartet. Seither haben sich 85.000 Autofahrer für das automatische Notrufsystem angemeldet, so der GDV. „Der Unfallmeldedienst ist damit der Marktführer unter den nachrüstbaren Notrufsystemen in Deutschland“, erklärt Dr. Jens Bartenwerfer, Geschäftsführer der GDV Dienstleistungs-GmbH (GDV DL), des technischen Betreibers des Unfallmeldedienstes.

Voraussetzungen und technische Details

Das Notrufsystem UMD besteht aus einem Stecker, der an jedem handelsüblichen Zigarettenanzünder von Pkws, der dem Industriestandard-Norm SAE J563 entspricht, also einer 12-Volt-Buchse betrieben werden kann. Zudem benötigt der Nutzer ein bluetoothfähiges Android-Smartphone ab Version 2.3.4 oder ein iPhone ab Modell 5 und iOS 8, auf dem eine für den UMD entwickelte Unfallmelde-App installiert ist. Damit lässt sich der Unfallmeldedienst in fast allen Neu- und Gebrauchtwagen einsetzen.

Bei einem Aufprall registriert der im Stecker integrierte Beschleunigungssensor die Kollision und die Aufprallstärke und erkennt so, ob es sich um einen leichten oder schweren Unfall handelt. Der Stecker sendet diese Daten an die entsprechende Unfallmelde-App, die auf dem Smartphone des Autofahrers installiert ist. Die App wiederum meldet dann den Unfall unter Nennung der aktuellen Position des Fahrzeugs und der letzten Fahrtrichtung an eine Notrufzentrale. Laut GDV wird gleichzeitig „eine Sprechverbindung zwischen der Notrufzentrale und dem Autofahrer am Unfallort hergestellt.

Im Fall eines schweren Unfalls leitet die Notrufzentrale sofort Rettungsmaßnahmen ein.“ Das heißt, selbst wenn der Unfallfahrer bewusstlos ist oder aus anderen Gründen der Notrufzentrale keine weiteren Angaben machen kann, wird automatisch der Rettungsdienst verständigt. Ein Autofahrer kann aber auch nach einem leichten Unfall, einer Panne oder einem sonstigen Notfall einen Notruf über die Unfallmelde-App manuell auslösen. Weitere Informationen zum Notrufsystem gibt es online unter www.unfallmeldedienst.de, einem Webportal des GDV DL.

45.000 Kraftfahrzeuge nutzen das Notrufsystem UMD

Der UMD ist laut GDV bei den am Notrufsystem teilnehmenden Kfz-Versicherern erhältlich. Ein Autofahrer, der Interesse am UMD hat, sollte sich nach Angaben des GDV direkt an seinen Kfz-Versicherer wenden, um zu erfahren, ob beziehungsweise mit welchen Konditionen der jeweilige Versicherer dieses Notrufsystem anbietet.

Von den 85.000 Kunden, die den UMD bei ihrem Versicherer mittlerweile gebucht haben, nutzen ihn 45.000 aktiv, wie die GDV DL vor Kurzem mitgeteilt hat. Das ergibt eine Aktivierungsquote des Steckers durch den Kunden von rund 53 Prozent. Seit der Einführung hat der UMD über die dazugehörige Smartphone-App in 270 Fällen die Notrufzentrale alarmiert. Es handelte sich hierbei um schwere Unfälle, aber auch Blechschäden oder Pannen, so der GDV.

Die laut GDV DL verhältnismäßig wenigen Notrufe deuteten darauf hin, dass Kunden des Dienstes sicherer fahren als ein durchschnittlicher Autofahrer. Angesichts der großen Anzahl an Nutzern hätte man statistisch gesehen, mit einer höheren Notrufzahl rechnen müssen. Bartenwerfer geht davon aus, dass der Stecker entweder einen positiven, psychologischen Effekt auf die angemeldeten Fahrer ausübe oder diese grundsätzlich vorsichtiger fahren würden als der Durchschnitt.

Wettbewerb mit anderen Systemen

Aktuell nehmen 45 Versicherer am Unfallmeldedienst teil, so die GDV DL, andere lehnen eine Teilnahme ab oder wollen sich die Entwicklung des Unfallsteckers erst einmal ansehen, um anschließend gegebenenfalls ihren Kunden ebenfalls UMD anzubieten.

Als Gründe dafür, nicht am UMD teilzunehmen, gaben manche Versicherer beispielsweise an, dass sie eigene Produkte und Techniken entwickeln wollten oder sie bereits haben. Diese variieren unter anderem von einer Fahrdatenaufzeichnung via App bis zur Kombination aus Telematikbox und Notruffunktion.

Der UMD des GDV, aber auch die konkurrierenden Notrufsysteme in Form von Telematikboxen, wie sie einige Versicherer anbieten, bringen dem Autofahrer neben dem Sicherheitsaspekt laut den Befürwortern und Kritikern unterschiedliche Vor- als auch Nachteile.

Vor- und Nachteile von UMD oder Telematikboxen

Der GDV nennt als Vorteil des UMD die „Datensparsamkeit“. Bei störungsfreien Fahrten würden keinerlei Aufzeichnungen an die Notrufzentrale übermittelt werden. Auch die App übertrage Daten nur in Unfallsituationen, oder wenn der Notruf manuell abgesetzt wird. Aufgezeichnete Informationen zur Fahrzeugposition würden kontinuierlich überschrieben, also gelöscht, wie im Webportal des GDV zum Thema UMD zu lesen ist. Auskünfte über die Fahrweise würden nicht aufgezeichnet werden.

Telematikboxen geben hingegen Aufschluss zur Fahrweise, dies jedoch, so die Betreiber, nicht ohne das Wissen des Fahrers. Durch die Nutzung der Box und die Übertragung der Fahrdaten an den Versicherer kann ein Kunde bei sicherer Fahrweise je nach Versicherer und Kfz-Tarif auch einen gewissen Prozentsatz der Prämie einsparen oder andere Tarifvorteile erhalten.

Parallel dazu funktionieren viele Telematikboxen auch ohne die zusätzliche Nutzung des Smartphones. Das habe den Vorteil, dass – anders als beim UMD – Notrufe auch dann abgesetzt werden können, wenn das Handy keinen Empfang hat oder der Akku leer sein sollte, wie auch der GDV bereits vor einem Jahr erklärt hat.

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